Analystenempfehlungen: Wie wichtig sind Bewertungen von Analysten?

„Verkaufstipps sind an der Wall Street so selten wie ein Konzert von Barbara Streisand“, spottete einmal der Chef der amerikanischen Wertpapieraufsicht, Arthur Levitt. Und tatsächlich lauten meist weniger als 1 % der Empfehlungen in den USA „Verkaufen“. Auch bei den DAX-Titeln dominieren die Kauf-Ratschläge. Doch warum ist das so? Schließlich werden deshalb nicht nur 1 % der Aktien fallen und der Rest steigen oder gleich bleiben.

Ein Phänomen?

Erklären lässt sich dieses Phänomen, indem wir etwas hinter die Kulissen blicken. Dabei ist relativ leicht festzustellen, dass auf die Analysten von vielen Seiten Druck wirksam wird. Vor allem das Verhältnis zum bewerteten Unternehmen selbst ist meist sehr sensibel. Denn zum einen versuchen die Analysten die Unternehmensdaten möglichst objektiv zu beurteilen, zum anderen ein möglichst gutes Verhältnis zur Vorstandsetage zu pflegen. Schließlich sind Informationen aus erster Hand die wichtigste Arbeitsgrundlage für jeden Analysten. Doch bei vielen Unternehmen wird eine Verkaufsempfehlung als Ohrfeige für das Unternehmen verstanden. Entsprechend schwieriger würde eine Beschaffung von exklusivem Daten- und Zahlenmaterial.

Vor allem bei Neuemissionen ist Vorsicht angebracht: Stammen die Analysten aus dem Kreis der Konsortialbanken, ist ihnen sehr daran gelegen, dass der Verkauf dieser Aktien gut läuft. Negative Beurteilungen dürften ihnen daher schwerer fallen als positive. Und auch wenn Banken im Emissionskonsortium vertreten waren, ist Skepsis an der Objektivität des Urteils angebracht. Darüber hinaus bringt das Emissionsgeschäft für die Investmenthäuser sehr gute Erträge. Wer jedoch negative Einschätzungen vergibt, der wird womöglich bei den nächsten Emissionen von den Börsenkandidaten gemieden. Stattdessen wenden sich diese Unternehmen dann lieber an positiv gesinntere Investmenthäuser.

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Eine Frage der Wortwahl

Genau deshalb haben manche Investmenthäuser das Wort „Sell“ gänzlich aus ihrem Analysten-Vokabular gestrichen. Ein moderates „Underperformer“ oder die scheinbar neutrale Empfehlung „Halten“ sind deshalb immer öfter als verkappte Verkaufstipps zu verstehen. So verwendet Goldmann Sachs beispielsweise nur noch die Begriffe: „Priority List“, „Recommended List“, „Trading Buy“, „Market Outperform“, „Market Perform“ und „Market Underperform“.

Wenn du bereits jetzt Verständnisprobleme bekommst, dann tröste ich dich. Selbst viele Anlageberater kennen die ganz genaue Bedeutung der Einschätzungen nicht immer. Und das ist auch gar nicht notwendig. Im Allgemeinen ist nur interessant, wer eine möglichst hohe Einstufung bekommen hat bzw. die Tendenz, die hinter diesen Begriffen steckt. Hinter all diesen Ausdrücken verbirgt sich nichts weiter als eine Einschätzung zur Kursentwicklung einer Aktie im Verhältnis zum Gesamtmarkt. Das „Kaufen“ bedeutet beispielsweise meist, dass einer Aktie in den nächsten Monaten eine mehr als 25prozentige Kurssteigerung zugetraut wird. Mit „Outperformer“ betiteln manche Analysten eine Aktie, die über 10 Prozent zum jeweiligen Branchenindex zulegen wird.

Doch was bedeuten denn diese Begriffe nun ganz genau?

Leider lässt sich nicht immer hundertprozentig eindeutig sagen, welche Empfehlung welche Erwartung beinhaltet, denn jedes Investmenthaus hat seine eigenen Abstufungen. Das macht die Bewertungen der zukünftigen Kursentwicklung von Aktien sehr verwirrend. Nachfolgend eine kleine Übersicht über die gängigsten Bewertungs-Abstufungen, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

Kaufen:

Die beste Note und damit die höchste Einstufung, die ein Unternehmen von einer Bank bekommen kann ist eine Kaufempfehlung. Darunter fallen folgende Begriffe: „Kaufen“, „Priority List“ (unbedingt kaufen), „Recommended List“ (kaufen), „Strong Buy“ (unbedingt kaufen) oder „Buy“ (kaufen), Market Outperform, Überdurchschnittlich, Buy

Das bedeutet meist glänzende Aussichten für das bewertete Unternehmen. Die Aktie birgt nach Meinung der Analysten ein hohes Kurspotential, erwartet wird ein Sprung von 25 Prozent und mehr für die nächsten Monate. Der Wert wird damit deutlich mehr zulegen als der Branchenindex.

  • Empfehlung: Unbedingt kaufen!
  • Erwartung: + 25 % und mehr!

Zukaufen

Wenn Analysten die Kursentwicklung der betreffenden Aktien zwar besser als die Kursentwicklung des Branchenindex sehen aber hauptsächlich den Anlegern zum (Zu-)Kauf raten, wenn diese bereits Titel dieser Unternehmen im Depot haben, dann klingt das meist so: „Aufstocken“ oder „Akkumulieren“, „Accumulate“ und „Trading buy“, „Outperformer“ oder „Market Outperformer“ (besser als die Branche), Undervalued, Long-Term Buy, Übergewichten

Wenn eine Aktie „outperformed“, dann läuft sie in den nächsten Monaten wahrscheinlich besser als der vergleichbare Branchenindex. Analysten erwarten einen Kursanstieg von 10 bis 25 Prozent. Oft sprechen Analysten auch von „unterbewerteten“ Papieren. Sie erscheinen im Vergleich zu anderen Aktien der Branche zu billig.

  • Empfehlung: Du kannst Kaufen!
  • Erwartung: + 10 bis + 25 Prozent

Halten

Wird die Kursentwicklung der Aktie parallel zum Branchenindex verlaufen, sieht ein Analyst den Wert also als nicht besonders empfehlenswert an, so wird er trotzdem nur selten ein eindeutige Verkaufsempfehlung aussprechen. Doch trotzdem bedeutet die Einschätzung „Neutral“ für viele Börsianer schon, die Aktien des betreffenden Unternehmens zu verkaufen. Denn eine alte Börsenweisheit lautet: „Halten – davon halten wir gar nichts!“. Eine solche Einschätzung erkennst du an Begriffen wie: „Halten“, „Hold“, „Neutral“ und „Market Performer“

Hier läuft zwar eigentlich alles normal und die Aktie bewegt sich ähnlich wie der Gesamtmarkt. Es könnte im Laufe der nächsten Monate aber durchaus auch 10 Prozent nach unten gehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es um die gleiche Spanne aufwärts geht, ist aber mindestens genauso hoch.

  • Empfehlung: Bestand halten oder in Schwächen zu- oder bei Stärke verkaufen.
  • Erwartung: + 10 % bis – 10 %

Verkaufen

Nur sehr selten schätzen Analysten die Aussichten für ein Unternehmen im Vergleich zum Index als so schlecht ein, dass sie sich zu einer klaren Verkaufsempfehlung hinreißen lassen. Im Normalfall lauten die Empfehlung eher wie unter Punkt 3 beschrieben. Solltest du allerdings wirklich die Finger davon lassen, dann erkennst du das an folgenden Empfehlungen: „Reduzieren“, „Untergewichten“ oder „Verkaufen“, „Reduce“, „Underperformer“ oder „Market Underperformer“ (schlechter als der Branchenindex), „Overvalued“, „Überbewertet“, „Sell“ (verkaufen), „No Rating“ (Schrott!).

Die Aktie wird voraussichtlich kräftig einbrechen. Um Verluste zu begrenzen, solltest du dich daher von deinen Aktien trennen. Solche Urteile werden zum Beispiel gefällt, wenn ein Unternehmen schlechte Zahlen vorlegt oder sich die Chancen der gesamten Branche verschlechtert haben. Manchmal beurteilen Analysten einfach auch die Erfolgsaussichten bestimmter Geschäfte wie zum Beispiel den Kauf eines anderen Unternehmens als sehr schlecht.

  • Empfehlung: Unbedingt verkaufen!
  • Erwartung: Verlust von 10% – 25 % (oder sogar noch mehr)

Konsequenz für dich

Interessant wird es vor allem immer dann, wenn Banken Aktien herauf- oder herabstufen. Denn das geschieht nicht ohne Grund. Entweder hat das Unternehmen neue Geschäftszahlen veröffentlicht, die neu bewertet werden müssen oder die Gesellschaft korrigiert ihre Gewinnschätzungen nach oben oder unten. Dann gibt es eben neue Empfehlungen, die vom Markt mit Spannung erwartet werden. Die Börse reagiert manchmal sogar mit einem extremen Kursverfall, wenn Analysten zum Beispiel von „Kaufen“ auf „Halten“ runterstufen.

Für dich sollte jedoch wie immer an der Börse gelten, bilde dir eine eigene Meinung. Du solltest immer bedenken: Analysten könnten in ihren Urteilen möglicherweise nicht so objektiv sein, wie es wünschenswert wäre. Versuche daher möglichst mehrere Urteile heranzuziehen. Die Analyse eines unabhängigen Bankhauses sollte tendenziell mehr Gewicht haben. Das soll natürlich nicht heißen, dass Analystenempfehlungen wertlos sind. Du solltest sie lediglich mit der nötigen Skepsis betrachten: Also nicht blind kaufen, wenn die Banken zum Kauf raten! Halte es am besten mit Kostolany: „Ein Börsianer darf, wenn es sich um Börsengerüchte handelt, nicht einmal seinem eigenen Vater trauen.“

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