Aktienempfehlungen: Wie kann ich sie richtig lesen und den größten Nutzen daraus ziehen?

Aktienempfehlungen gibt es wie Sand am Meer. Was für den Privatanleger zunächst im positiven Licht erscheinen mag, ist in Wirklichkeit von Nachteil. Denn die Masse an Tipps in Börsenheften, Börsenbriefen, Fernsehsendungen und auf Internetseiten lässt die einzelne Empfehlung unverbindlich werden. Es gibt kaum eine Aktie, die nicht von irgend jemandem empfohlen wird. Dieser „Irgendjemand“ verbleibt oftmals im anonymen Hintergrund der Medienlandschaft und wird später kaum „zur Rechenschaft gezogen“. Im folgenden wird darauf eingegangen, was brauchbare Kaufempfehlungen von unbrauchbaren unterscheidet und wie sich erstere nutzen lassen.

Merkmale brauchbarer Kaufempfehlungen:

  • Brauchbare Kaufempfehlungen nennen primär zukunftsgerichtete Unternehmens-Aspekte. Dabei wird im Idealfall auf das zu erwartende Gewinn- und/ oder Umsatzwachstum, die Aussichten und Alleinstellungsmerkmale des Unternehmens-Produktes, die Aussichten der jeweiligen Branche sowie die Reputation des Manangememts eingegangen.
  • Es werden Timinghilfen in Form von (realistischen!) Einstiegskursen, Kurszielen und Stopmarken gegeben.
  • Es erfolgt eine Nennung und Abschätzung von Risiken. Es gibt kaum ein Unternehmen, das keinen nennenswerten Risiken ausgesetzt ist, die die Kursentwicklung negativ beeinflussen können.

Merkmale wenig brauchbarer Kaufempfehlungen

  • Die Kaufgründe beziehen sich auf Vergangenes (z. B. Quartalsergebnisse).
  • Statt der Zukunft steht die Vergangenheit im Vordergrund der Unternehmens-Betrachtung (z. B. die erfolgreiche Firmengeschichte).
  • Risiken werden nicht genannt bzw. nicht hinreichend gewichtet.
  • Empfehlung folgt trotz Nennung verschiedener Risiken bzw. Negativaspekte.
  • Die Empfehlung wird damit begründet, dass die Aktie „unterbewertet“ oder „günstig bewertet“ sei.
  • Die Empfehlung wird primär damit begründet, dass alle schlechten Nachrichten bereits im Kurs enthalten sind (es handelt sich hierbei um eine durchaus interessante Aussage, allerdings sollte die weitere Kursentwicklung zunächst abgewartet werden).
  • Aussagen mit Wenn-Dann-Struktur – Beispiel: Sollte das Unternehmen die Wachstumprognosen erfüllen, dürfte es mit dem Kurs wieder aufwärts gehen. Problem: Wenn die Bedingung erfüllt ist, hat der Markt längst reagiert. Die Aussage ist damit völlig wertlos.
  • Tippgeber versteckt sich hinter einem Analystenhaus.
  • Tippgeber führt mehr als 3 bis 5 Empfehlungen an – je mehr Empfehlungen genannt werden, desto unverbindlicher sind sie. Der Tippgeber kann sich in jedem Fall hinter den statistisch gewährleisteten Treffern verstecken.
  • Phrasen der Form „das Unternehmen ist gut positioniert“, „das Unternehmen hat in der Vergangenheit bewiesen, dass“, „die Aktie dürfte den Boden erreicht haben“.

Beispiel für die Wiedergabe einer unbrauchbaren Empfehlung:

XY bleibt Outperformer! Die SES Research GmbH bekräftigte ihre Einschätzung von XY als „Outperformer“. Zwar würden die vorgelegten Kundenzahlen nicht die Erwartungen von SES Research erfüllen, jedoch arbeite XY profitabel (ja was denn sonst?). Zudem sei XY der mit Abstand günstigste Discountbroker am Neuen Markt (also will die Aktie keiner haben!?). Die Analysten beurteilen die strategische Ausrichtung des Unternehmens weiterhin positiv (vage bzw. phrasenhaft).

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Welcher Nutzen lässt sich aus gut begründeten Empfehlungen ziehen?

Sehr oft hat der Kurs bei Veröffentlichung der Empfehlungen bereits angezogen. Dies liegt zum einen an einer gewissen opportunistischen Tendenz des „Empfehlungsgewerbes“, zum anderen aber auch an den unvermeidlichen Verzögerungseffekten, die Publikationen aller Art mit sich bringen. (Journalistische Artikel müssen erst recherchiert und geschrieben werden, Analystenstudien werden erst an Großkunden weitergegeben bzw. hausintern verwertet.)
Der Umstand, dass eine Aktie bereits gestiegen ist und nach Empfehlung(en) weiter steigt, ist an sich nicht negativ, sondern positiv zu bewerten. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Finger weg von Aktien, die auf Empfehlungen nicht reagieren! Denn: Wenn die Aktie auf Empfehlungen nicht reagiert, worauf soll sie dann überhaupt reagieren?

Es gibt allerdings einige Warnsignale, die darauf hindeuten, dass man zu den letzten – den „Dummen“ – gehört, die auf den fahrenden Zug aufspringen. Um diese Warnsignale zu erkennen, muss die jeweilige Empfehlung in einen weiteren Kontext gestellt werden.

Beispiele von Kaufempfehlungen großer amerikanischer Investmentbanken:

Godman SachsLehmann BrothersMerrill Lynch
Priority ListBuyBuy
Recommended ListOutperformAccumulate
Trading BuyNeutralNeutral
Market OutperformUnderperformReduce
Market PerformSellSell

(Eine ausführliche Auflistung findest du in dem Artikel:“Ratings – Bedeutet „Kaufen“ wirklich „Kaufen“?„)

Kritisch sind folgende Punkte:

  • Es handelt sich bei der Aktie um eine Modeaktie, das heißt sie wurde bereits vor Wochen oder Monaten häufig empfohlen.
  • Die Stimmung für die Aktie ist uneingeschränkt positiv, das heißt. es gibt keine zweifelnden/ skeptischen Gegenstimmen. Die Zweifler von heute sind jedoch die potenziellen Käufer von morgen.
  • Es liegen charttechnische Warnsignale vor:
    • abnehmendes Umsatzvolumen bei neuen Höchstkursen
    • steigende Umsätze bei Korrekturen
    • Bruch von Trendlinien
    • neue Höchstkurse werden verfehlt (je länger eine Seitwärts- oder Abwärtsbewegung, desto größer die Gefahr einer Trendwende – Anders gesagt: Aktien die steigen, steigen – sie machen dabei in der Regel keine langen Pausen.)

Beispiel: Logistik-Aktien wurden von großen Finanzzeitschriften sowie der Deutschen Bank im Spätsommer 2000, kurz vor ihrem Gipfel empfohlen. Wer den Kaufempfehlungen im Aktionär (Mai-Ausgabe mit dem Titel: „Logistik der neue Megatrend“) folgte, konnte hingegen mit Thiel Logistik und anderen Titeln sehr viel Geld verdienen.

Sind die genannten Warnsignale nicht gegeben, so können brauchbare Kaufempfehlungen je nach Anlegertyp auf verschiedene Weise genutzt werden. Langfristanleger kaufen die Aktie sofort, kurzfristig orientierte Anleger warten die erste Korrektur ab. Hierbei wichtig: Die fundamentale Lage darf sich in der Zwischenzeit nicht geändert haben, die Kaufgründe müssen weiterhin gültig sein. Charttechnisch sind Korrekturen durch sinkende Umsätze und den Halt wichtiger Trendlinien (Widerstandszonen) gekennzeichnet.

Kaufempfehlungen können zudem noch anders genutzt werden. Sie eignen sich zum Herausfiltern potenzieller Top-Aktien, die auf einer Beobachtungsliste gesammelt werden können. Dies ist für Anleger von Interesse, die am sukzessiven Aufbau eines eigenen Portfolios arbeiten.

Halten, Verkaufen, Herabstufung

Als Faustregel gilt: Alles was nicht einer Kaufempfehlung gleichkommt, ist eine Verkaufssignal. Hierzu gehören auch „Halten“-Empfehlungen und Kaufempfehlungen unter Senkung von Kurszielen oder Gewinnprognosen.

Hintergrund: Analysten sprechen in den seltensten Fällen Verkaufsempfehlungen aus. Verkaufsempfehlungen müssen daher zwischen den Zeilen gelesen werden. Näheres zu der Analystenpraxis und dem dazu gehörigen „Code“ findet sich in: Guerilla Investing.

Tipp: Warte niemals auf eine explizite Verkaufsempfehlung, bis du dich zum Verkauf einer fallenden Aktie entschließt. Du wirst für deine Aktien nicht mehr viel bekommen.

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